Monika Blank

Friedrichshafen
 

Versorgung zu hundert Prozent aus heimischen erneuerbaren Energien ist möglich

Bissiges Frauenkabarett von den „Flotten Lotten“ gab es zur Energiewende-Debatte: „Atomkraft ist todsicher!“ Foto: M. Blank

Bissiges Frauenkabarett von den „Flotten Lotten“ gab es zur Energiewende-Debatte: „Atomkraft ist todsicher!“ Foto: M. Blank

Pressemitteilung 2009_16 - 19.09.2009

Friedrichshafen - Kann sich die Bodensee-Region zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien versorgen? Ja. Das meinen zumindest die Häfler Ortsgruppen von Greenpeace, SPD, Bündnis 90 / Die Grünen und der Jugendrat. Wie der Umstieg von fossiler und atomarer Energie auf regionale, erneuerbare Energien gehen kann, zeigten sie am Freitag bei der Infoveranstaltung „Möglichkeiten der Energiewende – Potentiale in unserer Region“.

Auch wenn es den vier Veranstaltern ernst ist mit der Energiewende – gerade mit Blick auf die Bundestagswahl – sie bewiesen auch einen humorvollen Umgang mit dem Thema und baten die Frauen-Kabarett-Gruppe „Die Flotten Lotten“ zur Eröffnung des Abends auf die Bühne. Die luden die fast hundert Gäste gleich Mal zur „Krisensitzung des deutschen Atomforums – Abteilung Frauen“ ein. Schließlich müsse endlich eine überzeugende Werbestrategie her, die Schluss mache mit dem schlechten Image des Atomstroms und die die Akzeptanz von Atom gerade bei den meist kritischen Frauen erhöhe. Überhaupt stellten die „Flotten Lotten“ in der Rolle der Atom-Lobbyistinnen fest: „Kernkraft in Deutschland ist todsicher!“ Viel sicherer jedenfalls als jeder Haushalt, schließlich gäbe es viel mehr Haushaltsunfälle als Atomunfälle.

Nachdem die Atomindustrie so ordentlich ihr Fett abbekommen hatte, war der Weg zur Bauernweisheit der neueren Art nicht mehr weit: „Fällt der Bauer tot vom Traktor, steht in der Nähe ein Reaktor“, dichteten die „Flotten Lotten“ und servierten schließlich noch das Drei-Gang-Menü „Gier, Macht, Lüge“ – formvollendet mit der Nachspeise „Windbeutel an Westerwellen“.

Als „Al Gore vom Bodensee“ führten die Veranstalter dann den Fachreferenten Bene Müller ein. Müller ist Vorstand der Solarcomplex AG, dem ersten Regionalversorger für erneuerbare Energien aus Singen. Und er bewies, dass er den Vergleich mit dem prominenten Klimaschützer nicht scheuen muss: Kenntnisreich und überzeugend zeigte er, warum eine Energiewende weg von Atom und fossilen Energieträgern hin zu erneuerbaren Energien kommen muss und vor allem gelingen kann: „Die Energiepreise werden steigen, denn die Förderhöchstmengen beim Öl sind in wenigen Jahren erreicht und die Öl-Nachfrage wird das Angebot bald übersteigen“, sagt Müller. Und er macht zugleich Hoffnung, denn die Technologien im Bereich der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz seien breit verfügbar, marktfähig und zugleich der Schlüssel zur Wohlstandssicherung.

Wenn der Energie-Bedarf einer Region mit erneuerbaren Energien wie Sonne, Biomasse oder Wasserkraft aus der Region gedeckt werde, dann sei das Wirtschaftsförderung pur: „Von erneuerbaren Energien profitieren die Land- und Forstwirte, die örtlichen Handwerker durch höhere Umsätze, die Gemeinden durch höhere Gewerbesteuer-Einnahmen und damit auch die Bevölkerung, denn Wertschöpfung, Kaufkraft und Arbeitsplätze bleiben in der Region“, betont Müller. Bis 2030 will er mit seinem Unternehmen Solarcomplex erreichen, dass die Bodenseeregion weitgehend mit erneuerbaren Energien versorgt wird.

Dass er dabei auf gutem Wege ist, zeigt die Erfolgsgeschichte von Solarcomplex: Das Singener Unternehmen plant, baut und betreibt seit zehn Jahren regenerative Energieanlagen im Bodenseeraum und wird bis Ende 2009 rund 56 Millionen Euro in regionale Energiegewinnung und -versorgung investiert haben, zum Beispiel in Photovoltaik-Anlagen auf Dächern und Freiflächen, wie ehemaligen Mülldeponien. Solarcomplex investiert auch in Biogasanlagen zur Stromerzeugung und Wärmegewinnung und in ganze Bioenergiedörfer, die sich komplett aus regenerativen Energien versorgen, eigene Nahwärmenetze haben und den Stromenergie-Überschuss „exportieren“, wie etwa in Mauenheim (Landkreis Tuttlingen) und Lippertsreute bei Überlingen.

Dass das Konzept dabei wirtschaftlich tragfähig und gut für die Region ist, davon konnte Solarcomplex bis heute hunderte von Privatpersonen und vor allem Unternehmen überzeugen. Die Liste der Aktionäre liest sich dabei wie das Branchenverzeichnis der Region: Vom örtlichen Handwerker über Dienstleistungsunternehmen und Handel bis zu überregional tätigen Stadtwerken reicht die Liste der Anteilseigner. Erst vor wenigen Wochen zeichneten die Technischen Werke Schussental (TWS) 250.000 Aktien und sind damit mit 500.000 Euro an Solarcomplex beteiligt.

Für Bene Müller ist jedenfalls eines klar: „Der Ausbau der regenerativen Energien entwickelt sich stürmisch, in ihnen steckt ein gigantisches Potenzial mit einer positiven wirtschaftlichen Dynamik.“ Und da es weder eine Stromlücke gäbe und auch die Grundlast durch regenerative Energien wie Biomasse gedeckt werden könne, kommt er zu dem Schluss: „Wir brauchen keine Atomkraft.“

Veranstaltung: “Möglichkeiten der Energiewende – Potentiale in unserer Region”

Pressemitteilung 2009_15 - 11.09.2009
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