Skandal im Sperrbezirk? Noch nicht, aber …
Grünes aus dem Gemeinderat, 29. Juni 2010
… wenn die jetzt von der Mehrheit des Gemeinderats befürwortete Sperrbezirksregelung für Prostitution durchgeht, dann könnte es bald wie im Song um Rosi zugehen … Wir Grüne waren gegen diese Regelung, konnten uns aber nicht durchsetzen. Aber von vorne: Es gibt eine bald 25 Jahre alte Sperrbezirksverordnung, die vorsieht, dass vor allem im Bereich der Kernstadt (also nicht in den Ortschaften), Prostitution zulässig ist. Wohlgemerkt: Prostitution ist ein zulässiger und anerkannter freier Beruf, der in Städten mit mehr als 35.000 Einwohnern ausgeübt werden darf. Also auch in Friedrichshafen. Jetzt will die Verwaltung die Prostitution neu regeln und schlägt vor, die Prostitution nur noch in den Gewerbegebieten der Kernstadt zuzulassen. Wohngebiete, Mischgebiete und die Gewerbegebiete der Ortschaften sind dann ausgeschlossen. Was auf den ersten Blick vielleicht vernünftig klingt, hat mindestens zwei Haken.
1. Der Bestandsschutz: Der sieht nämlich vor, dass selbst bei einem Betreiberwechsel eines Bordells oder “eines bordellartigen Betriebes” (das ist der Verwaltungsbegriff für Wohnungsprostitution mit mehr als zwei Prostituierten) alles wie gewohnt weiter laufen darf. Das Bordell, selbst wenn es in einem Wohngebiet liegt, ist also weiterhin rechtens. Allein diese Regelung macht die neue Sperrbezirksverordnung zu einem zahnlosen Papiertiger. Denn die meisten Wohnungen des Rotlichtmilieus liegen in Wohn- und Mischgebieten – und werden dort also auch bleiben.
2. Die Gewerbegebiete: Ein Blick auf die Karte und ein wenig Ortskenntnis genügt, um festzustellen: So viele freie Flächen in Gewerbegebiete hat die Stadt gar nicht. Und wir Grüne glauben nicht, dass sich die anderen Gewerbetreibenden, z. B. im Gewerbegebiet Rohrbach, freuen würden, wenn alle neuen Bordelle bei ihnen ansiedeln würden. Aber genau darauf läuft die neue Regelung heraus: Die Bordelle und Wohnungsprostitution (es gibt ja auch Wohnungen in Gewerbegebieten…) sollen in einer handvoll Gewerbegebieten ansiedeln. In unseren Augen führt das zu einem neuen Brennpunkt - ähnlich wie bei den Diskotheken. Mit allen unschönen Folgen der Prositution und ihrem schwierigen Umfeld.
Das sieht übrigens auch das Bundesfamilienministerium so, das wir zitiert haben: “Die negativen Auswirkungen von Sperrbezirksregelungen sind hinlänglich bekannt. Sie tragen erheblich zur Ghettoisierung und Kriminalisierung der Prostituierten bei, was ihre Abhängigkeit von und Ausbeutung durch Zuhälter fördert. Profiteure sind diejenigen, die für Zimmer überhöhte Mieten verlangen können und auch erhalten.” Das Ministerium empfiehlt übrigens das Dortmunder Modell, das wir Grüne auch für Friedrichshafen empfohlen haben: Prostitution zulassen in Misch- und Gewerbegebieten und dadurch Schutz der Bevölkerung, gleichzeitig enge Zusammenarbeit der Verwaltung mit dem Rotlichtmilieu und der Polizei. In Dortmund werden seither aus dem Rotlichtmilieu verstärkt Straftaten wie Menschenhandel und schwere sexuelle Ausbeutung angezeigt. Eine solche Lösung mit Regulierung und Prävention hätten wir Grüne auch in FN gerne gehabt, konnten dafür aber keine Mehrheit finden. Immerhin gab es ein paar StadträtInnen, die mit uns gestimmt bzw. sich enthalten haben.
Einigkeit gab es auch von unserer Seite wenigstens in einer Frage: Ein Verbot eines Straßenstrichs ist sinnvoll und notwendig. Bisher gibt es in FN zwar noch keinen, aber so ist wenigstens hier für die Zukunft vorgesorgt.
Danke dass sie Sexwork als freien Beruf bezeichnen. So sehen es auch viele Frauen, Männer und Transsexuelle in der Prostitution aufgrund der höchstpersönlichen, individuell inszenierten, intim erotischen Dienstleistung.
Leider hat sich das noch nicht herumgesprochen und ist keinesfalls mit dem ProstG bereits durchgesetzt oder anerkannt. Dann gäbe es auch gar kein Niederlassungsproblem in Wohngebieten, wo sich Fußpfleger, Physiotherapeuten oder Zahnärzte problemlos ansiedeln könnten, die jedoch im Vergleich zu einer Praxis mit nur wenigen SexarbeiterInnen, viel mehr Autoverkehr generieren können.
Doch die Erscheinungsformen der Prostitution sind höchst unterschiedlich und vielfältig (Diversity) und Generallösungen ohne Einzelfallprüfung des konkreten Betriebes mit seinen flexiblen, gutbezahlten Sexworker-Arbeitsplätzen vielfach menschenrechtlich durchaus fragwürdig.
Zumindest auf eine Spezialfall-Einigung, scheinen sie sich ja zu freuen. Ein Verbot für einen gar nicht bestehenden Straßenstrich. Solche symbolische Verbots-Politik gegen gesellschaftliche Randgruppen scheint sich am einfachsten fabrizieren zu lassen. Welcher Politiker vermutet schon unter out-door Sexworkern und Paysexkunden sein eigenes Klientel. Sicher genausowenig wie Prostitutionsgegner, Opferschützer und Gender-Politiker vom leitenden schwedischen Polizeibeamten und Prostitutionsgegner Göran Lindberg Verstrickung in Zuhälterei, Prostitution und Mißbrauch Minderjähriger zu erwarten war.
Wichtig ist daher, daß Politik und Exekutive das erotisch-ängstlich aufgeladene Thema Sex gegen Geld nichtverurteilend im Sinne von Lebensweisenakzeptanz bearbeiten und zu regeln versuchen. Und zwar in Mitsprache und mit Mitentscheidungsmöglichkeiten der Betroffenen ArbeiterInnen und derjenigen die faire und sichere Arbeitplätze schaffen (Inklusion).
Sexworker Forum
Gewerkschaft der Sexworker in A - CH - D.
Ich verstehe nicht, warum kleine Wohnungsbordelle ein Problem für Kinder unieJugendliche sein könnten?
Die kriegen doch nichts mit, wenn das Thema nicht von Erwachsenen ständig hochgespielt wird.
Von der Sexarbeit bekommt doch der Nachbar nichts mit, die negativen Vorstellungen spielen sich doch nur in den Köpfen der “Verbanner” ab.
Berlin hat 60 Jahre lang sehr gute Erfahrungen ohne Sperrgebiete gemacht - teilweise hat die Hausgemeinschaft nicht mal gemerkt, dass eine Wohnung für die Sexarbeit genutzt wurde.
Die Zeiten der Betriebe mit roten Blinkherzen in den Fenstern sind doch vorbei - die Kunden und AnbieterInnen wollen doch nicht auffallen.
Die Genehmigung von grösseren Bordellen kann doch auch übers allgemeine Baurecht geregelt werden, so wie der Bau von Grossdiskotheken auch.
Wenn die Bewohner von allgemeinen Wohngebieten merken, dass sie von der Sexarbeit nichts merken und dass SexarbeiterInnen keine kriminellen, drogensüchtige Mitmenschen sind, dann können gerade Heranwachsende lernen, dass die Darstellung der Sexarbeit in Medien und in Köpfen manch älterer Bürger nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.
wenn ich dass so lese, hat keiner der hier Schreibenden eigene Erfahrungen gemacht, neben einer so genannten Wohnungsprostitution zu wohnen. Kinder können mit solchen Freiern Zuhältern, alkoholisierten Randalierern gar nicht erst im Aufzug stehen, es sind nicht die Frauen..selber sondern deren Besucher, die Türen stehen die ganze Nacht auf und wiederliche Männer oft alkoholisiert stehen vor anderen Wohnungstüren und warten bis die Frauen wieder frei sind…
WENN MENSCHEN NICHT SELBER BETROFFEN SIND; KÖNNEN SIE IMMER BLÖD DAHER SCHWÄTZEN::UND ES NICHT VERSTEHEN